Durchbrüche. Das Erscheinen und die erste Schritte der Public-Library-Bewegung in Ungarn
TÓTH Gyula

Die Idee der Public Library tauchte zuerst in Ervin Szabós Referat (Denkschrift …) von 1910 auf. Szabó war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des ungarischen Bibliothekswesens, dessen Namen die Stadtbibliothek Budapest heute noch trägt. Er hatte es vor, aus der Amtbibliothek des Hauptstadtrates ein System von öffentlichen Bibliotheken nach angelsächsischen Prinzipien zu organisieren, das aus einem neuen grossen zentralen Bibtiotheksgebäude und aus einem Netz von Zweigbibliotheken bestand. Aus finanziellen und politischen Gründen wurden seine Vorstellungen bloss in einer bescheideneren Form verwirklicht (in einem alten Gebäude eine Zentralbibliothek und fünf Zweigstellen kamen zustande). Wenn man das ungarische Bibliothekswesen in der ersten Hälfte des 20sten Jahrhunderts untersucht, sieht man die Anstrengungen, die die einheimische Verwirklichung des Ideals der Public-Library-Bewegung begleiteten. Die führenden Bibliothekare waren wohl mit der ausländischen Fachliteratur und den modernen Bestrebungen vertraut. Obwohl die Pläne von Ervin Szabó damals nur fragmentarisch verwirklicht werden konnten, funktionieren doch die Hauptstädtische öffentliche Bibliothek und ihre Zweigbibliotheken heute noch (ihr neuer Name heisst Hauptstädtische Szabó Ervin Bibliothek). Von den 20er Jahren an beeinflussten aber die Ideen der Volksbücherei viel stärker das ungarische Bibliothekswesen. In der bürgerlich-demokratischen Epoche zwischen 1945 und 1948 wurde die Entwicklung des Bibliothekswesens wieder nach angelsächsischem Muster geplant. Nach 1949 setzte sich eine Bibliothekspolitik durch, die die Grundsätze einer sozialistischen Volksbücherei unterstützte (viele Büchereien mit kleinen Beständen, die den einfachen Ansprüchen – wie die Ausleihe – dienten). In den 60er Jahren – in einer milderen politischen Athmosphäre griffen die Bibliothekare auf den geistigen Nachlass von Ervin Szabó zurück, als man den Ausbau des modernen öffentlichen Bibliotheksmodells begann.

Die Public-Library-Schlacht 1968, oder ein Vorwort zur Veröffentlichung des Vorschlags “Entwicklungstendenzen der Öffentlichen Bibliotheken” von István Sallai als eln epochenund fachhistorlsches Dokument
FUTALA Tibor

1968 gab es eine Möglichkeit, im Zusammenhang mit dem kommenden Fünfjahrpian die Richtlinien des Bibliothekswesens zu überprüfen, und eine Konzeption über die Bibliothekspolitik des nächsten Zyklus darzulegen. Der Landesrat für Bibliothekswesen setzte sich über István Sallai’s Vorschlag auseinander; der Vorschlag löste eine heftige Diskussion aus, vor allem im Kreis der konservativen sozialistischen Politiker. Einer der Teilnehmer, der diesen Vorschlag von Sallai und die Anschauungsweise seiner Schrift befürwortete, erklärt hier – auf die Umstände der Diskussion erinnernd -, warum dieser Vorschlag eine so grosse Wirkung ausübte. Sallais Vorschlag war bloss im engeren Kreis bekannt, und wurde nie veröffentlicht, obwohl seine Mentalität, die nach dem Muster der Public Libraries die Entwicklung der öffentlichen Bibliotheken vorschlug, beinflusste die Bibliothekspolitik der nachfolgenden Jahre.

Entwicklungstendenzen der Öffentlichen Bibliotheken (vorgeführt an der Sitzung des Landesrates für Bibliotheks- und Dokumentationswesen am 19. Juni 1968, Békéscsaba)
SALLAI István

Laut Statistik gab es im Jahre 1966 in Ungarn 7252 selbständige, meist sehr kleine Bibliotheken. Die Studie stellt das bis in die 60erJahre entwickelte System der Literaturversorgung vor. Das System hatte noch in den 10er Jahren die Verwirklichung des Public-Library-Modells vor, aber von den 20er Jahren an verbreitete slch die der deutschen Praxis folgende Volksbücherei-Ideologie (viele Versorgungseinheiten mit winzigen Beständen für Ausleihe). Nach 1949 dem sowjetischen Muster folgend – wurde das System der Bezirks-, Kreis-, Stadt- und Dorfbibliotheken übernommen, doch die Depositenstellen bewahrend. Die Verordnung des Ministerrates verwies die öffentlichen Bibliotheken in die Kompetenz der Gemeinderäte. Laut Erfahrungen konnte diese Lösung die Versorgung der Kleindörfer – trotz ihren Vorteilen – nicht lösen. Das entstandene Netzwerk war eher ein methodisches Verwaltungs- als ein hierarchisches Versorgungssystem, das die kleineren Einheiten mit Literatur versah. Wo das Netzwerk nur die methodische Betreuung auf sich nahm, blieben die Traditionen der Volkbücherei weiterhin lebendig. Laut Welttendenz wächst die Zahl der Bibliotheken an, die kleineren Einheiten funktionieren ais Teile einer grösseren Einrichtung mit stufenweiser Funktionsteilung. In Ungarn nahm aber die Zahl der selbständigen Einheiten ab, obwohl es die Förderung des Depositensystems begann. Die Richtlinien formulierten wichtige Entwicklungsziele für die Bibliotheken, aber die Richtung der Entwicklung ist nicht mit den Zielen identisch; eine dauerhafte Entwicklung kann ausschliesslich vorgehen, wenn sie sich nach der Welttendenz richtet. Der Autor fasst in 16 Punkten die Entwicklungsprinzipien der Bibliotheken und die daraus folgenden Obliegenheiten zusammen: z.B. eine Bibliothek darf nur mit einem hauptamtlichen Bibliothekar und mit einem Etat, der für die Erwerbung der grundlegenden Literatur genügt, arbeiten; das Ziel eines Netzwerkes ist die Teilung und Verbreitung von Dienstleistungen; die Fachaufsicht und die methodische Betreuung dürfen nicht innerhalb eines Netzes voneinander getrennt werden; die Literaturversorgung der Kleindörfer soll mit einem Depositensystem gelöst werden, usw.

VOCAL – Die gemeinsame Katalogislerung der Bibliotheken mit Corvina-System
BAKONYI Géza

Zu einen gemeinsamen Katalogisierungsverbund braucht man Teilnehmerbibliotheken mit einem integrierten System in grosser Zahl, die in entsprechender Menge Titelaufnahmen und Bestandsnachweise besitzen. Die grösseren Bibliotheken beginnen diese Grössenordnung zu erreichen, aber die kleineren werden immerhin bald übernehmbare, downloadbare Fremddaten brauchen. Die verschiedenen Preisausschreibungen schufen für die kleineren Einrichtungen eine Möglichkeit, sich an diese Systeme anzuschliessen. Aus dem Aspekt des Planens ist es wichtig, dass das System TextLib der Hauptstädtische Szabó Ervin Bibliothek, Budapest in mehreren öffentlichen Bibliotheken verbreitet ist; in den Universitäts- und Hochschulbibliotheken arbeiten verschiedene integrierte Systeme, aber diejenige, die das gleiche System nutzen, können an die Katalogen der anderen zugreifen. Es ist zur Gestaltung der Zusammenarbeit nötig, mit der Anwendung der unterschiedlichen EDV-Normen und Charaktertabellen aufzuhören.
Das integrierte System Corvina (früher Voyager) – dessen grosser Vorteil ist, dass es die ungarischen Normen weitgehend berücksichtigt – wird von der Universitätsverband Debrecen und Szeged benutzt. In den Katalogen der zwei Universitätsbibliotheken befinden sich etwa 500.000 bibliographische Datensätze, die von der Mitte der 60er Jahre erworbenen Bestände im OPAC nachgewiesen sind. Das Sytem wird derzeit von 25 Mitgliedbibliotheken benutzt, also es bestehen die Voraussetzungen zu einer gemeinsamen Katalogisierung. Diese erzielte Kooperation wird Vocal heissen. Der Autor beschreibt die Charakterzüge des Systems, die Arbeitsvorgänge, die Probleme der bibliographischen und inhaltlichen Erschliessung und die zukünftigen Entwicklungen.

Die Auswertung der die Schulbibliotheken unterstützenden Wettbewerbsetappe 1996-1998 der Soros-Stiftung
DÁN Krisztina

Die Unterstützung der Modernisierung von Schulbibliotheken durch Preisausschreibung kam in dem Teilprogramm zur Förderung der Informatisierung des Bildungsministeriums vor. Die moderne Schulbibliothek ist nämlich ein unentbehrlicher Element des Informatisierungskonzepts, die sich auf den Nationalen Grundlehrplan (NAT) basiert. Als die erste Preisausschreibung erschien, befanden sich Computer nur in einigen Schulbibliotheken; wo es sie doch gab, benutzte man langsame Maschinen mit kleiner Speicherkapazität. Die Sektion der Lehrer-Bibliothekare des Vereins der Ungarischen Bibliothekare forcierte auf diesem Gebiet eine bedeutende Änderung, und ihre Pläne trafen sich mit der von der Soros-Stiftung. Die Stiftung beauftragte die Sektion mit der Ausarbeitung von Vorschlägen, wie sich Schulbibliotheken durch Preisausschreibungen für EDV-Förderung Computer erwerben können. Die Ausschreibungen umfassten mehrere Zyklen. Zuerst sollte das Update des Hardware- und Softwarebestandes der Bibliotheken erzielt werden. Es bewarben sich 930 Institutionen, davon 700 um ihren ersten Computer. 169 Schulen erhielten Multimedia-Computer, Laser-Drucker und Softwaren (SZIRÉN, Win’95, Office’95).
Die zweite Etappe des Programms ging im Jahre 1997 vor: es wurden hier 350 von den Einrichtungen eingeladen, die in der ersten Phase keine Unterstützung erhielten; sie sollten einen Homepage über ihre Schulbibliothek entwerFen. In dieser Etappe bekamen wieder 133 Einrichtungen aus den oben genannten EDV-Mitteln. In 1998 wurden die bisherigen Erfahrungen an einer Konferenz in Balatonfüred zusammengefasst, und die Gewinner berichteten über ihre Ergebnisse. Die letzte Etappe begann im September 1998 mit dem Titel “Schulbibliotheken in einer neuen Rolle”, mit dem Schwerpunkt “Die Rolie der didaktischen Programme in der Bibliotheksbenutzung”. In dieser Phase bekamen 180 Schulen EDV-Mittel in einem Wert von 80 Millionen Forint.

Dienstleistungen mit und ohne Gebühren in ungarischen Bibliotheken. Ein Literaturbericht
RÁCZ Ágnes

Die Auswirkungen der poltischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Änderungen auf das ungarische Bibliothekswesen wurden von der Autorin aus jenem Aspekt analysiert, wie die Bibliotheken ihre Finanzierungssorgen in den 90er Jahren zu mildern versuchten. Immer mehr Dienstleistungen wurden gebührenpflichtig, oder die früheren Gebühre von symbolischer Grösse wurden erhöht. Die Übersicht bearbeitete die Fachliteratur, die in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht wurde, und fasste die auf die folgenden Fragen gegebenen Antworte zusammen: welche Ausgaben sollen von der Bibliothek und von dem Staatsetat übernommen werden, kann die Bibliothek als eine Nonprofit-Organisation tätig sein, wie kann die Bibliothek Sponsoren finden, wofür sollen die Leser zahlen, welche Summen und welche Dienstleistungen sollen die Nutzer in verschiedenen Bibliothekstypen bezahlen.